Warum sich Radsportler die Beine rasieren

Nachrichtenmoderator Marc Bator ist begeisterter Radsportler. Der ehemalige Präsident des Hamburger Radsport-Verbands beleuchtet in seiner wöchentlichen Kolumne am Freitag wichtige Aspekte dieses hervorragenden Gesundheitssports. Diesmal: Warum sich Radsportler die Beine rasieren.

Ich muss zugeben, dass ich in den vergangenen Wochen etwas nachlässig war mit meiner Körperpflege. Nein ich rieche nicht, ich dusche mich auch. Wie jeden Morgen. Und meine Zähne habe ich heute schon geputzt. Wer als Radsportler etwas auf sich hält, muss sich rasieren. Weniger im Gesicht, dies hätte höchstens einen aerodynamischen Vorteil, sondern die Beine.

 

Marc BatorRadsportfan Marc Bator (Foto: Thorsten Jander)

Beinrasur ist Pflicht!

Waden, Oberschenkel - glatte Rasur. Klar, jetzt im Herbst, sieht keiner, ob Sie sich die Beine ordnungsgemäß rasiert haben, die lange Hose verdeckt im Training den nackten Antrieb. Aber fürs gute Gefühl?! Ich brauche die perfekte Rasur. Und wenn es nur dem guten Gewissen dient…

 

Warum eigentlich?

Also vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Ich stand abends im Bad, wetzte die - elektronische - Klinge als meine jüngste Tochter in den gekachelten Raum platzte: Papa, warum machst Du das eigentlich? Warum brauchst Du das fürs Radfahren? Da ich zu den Vätern gehöre, die ihren Kindern gerne überzeugende Antworten geben wollen, bin ich dann doch ins Schleudern geraten. Zwar liefen vor meinem geistige Auge die glatten, braungebrannten Beine der Profis durch - aber warum ich das jetzt mache, außer der Begründung, dass alle Radfahrer es tun, mehr fiel mir dazu im ersten Moment nicht ein.

 

Doch irgendwie ließ mich die Frage meiner Jüngsten ins Grübeln geraten, denn ich weiß, dass sie das Ganze nur kurzzeitig verdrängt, aber nicht vergessen hat. "Weil es gut aussieht…", das wäre eine mögliche Antwort. Das gilt für Profi-Waden. Wer aber kalkweiße Beinchen mit wenig Muskeln oder viel Unterhautfettgewebe besitzt, kann diese Option nicht wirklich ziehen. Antwortmöglichkeit "eins" scheidet also aus.

 

Wie wäre es hiermit?! "…das zieht bei der Massage nicht so an den Härchen, wenn die kräftigen Hände die Monstermuskeln weichkneten." Überzeugt schon eher, diese Antwort. Aber wer von uns bekommt nach jedem kräfteraubenden Sprint schon in den Genuss einer solchen Spezialbehandlung. Höchstens dann, wenn der Orthopäde einem eine Knetpackung verschreibt; dann aber für den Rücken und nicht für die Beine. Also auch nicht die beste, vor allem keine altersgerechte Erklärung.

 

Damit Schürfwunden schneller heilen?

"Im Fall von Verletzungen heilt rasierte Haut schneller!" Aha, das klingt schon besser, und zugegeben auch recht überzeugend. Als ich mir diese Begründung vorsichtshalber von einem guten Freund und Arzt bescheinigen lassen will, bescheinigt er mir, es sei doch eine merkwürdige Form der Verletzungsprophylaxe. Bei einer Schürfwunde ließe sich ein Haar auch schnell mit der Pinzette herausziehen, meint er. Und setzt noch einen drauf: als präventive OP-Vorbereitung für einen chirurgischen Eingriff findet er die Beinrasur "echt skurril". "Oder fährst Du etwa Rennrad, um im Krankenhaus zu landen?", fragte er mich noch schnippisch und beendete damit zügig die Diskussion, die eigentlich noch gar nicht begonnen hatte.

 

Stattdessen erklärt er mir, dass durch die Rasur unsere Haut oberflächlich leicht verletzt werden kann. Empfindliche Stellen könnten sogar mit Alkohol desinfiziert werden, um Entzündungen zu vermeiden.

 

Weil es alle immer schon so machen?!?

So langsam wird es ganz eng für mich, wenn ich nicht endlich die passende Antwort finde. Je mehr Freunde und Bekannte ich frage, mit denen ich die Liebe zum Rennradfahren teile, desto stärker beginne ich an der Logik der Beinrasur zu zweifeln. Die häufigste Antwort, die ich bekomme lautet: "weil es alle immer schon so machen und seit Generationen gemacht haben."

 

Muss ich meiner Tochter jetzt mitteilen, dass ich ein ganz normaler "Mitläufer", also im vorliegenden Falle "Mitfahrer" bin? Ich steige also nochmals tiefer in die Recherche ein: Gelernt habe ich schließlich Journalist, da muss es mehr Antworten geben!

 

Während ich abends durch die Weiten des Netzes surfe, finde ich in einem amerikanischen Radblog einen Artikel mit der Überschrift: "Are you more aero and faster with shaved legs?"

 

Damit Papa noch schneller ist!

Ein Radhersteller hat tatsächlich Rennradfahrer in seinen Windtunnel gesteckt und gemessen, dass sie ohne Haarpracht an den Beinen schneller fahren. Und zwar viel schneller. Die Rede ist von 79 Sekunden Zeitgewinn bei einen 40 Kilometer langen Wettfahren gegen die Zeit. Das klingt doch echt cool. Papa rasiert sich die Beine, damit er noch schneller Rennrad fährt. Das macht hoffentlich Eindruck - zumindest bei meiner Tochter.

 

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