Landarztpraxis ja - wenn die Rahmenbedingungen stimmen
Artikel aus Sachsen
Wie gelingt es, junge Ärztinnen und Ärzte für eine eigene Praxis zu gewinnen - auch in ländlichen Regionen? Dieser Frage ist eine Befragung nachgegangen, die im Rahmen einer Praktikumsarbeit bei der Techniker Krankenkasse in Kooperation mit der Westsächsischen Hochschule Zwickau entstanden ist. Im Mittelpunkt standen dabei zwei Perspektiven: die Erfahrungen von Ärztinnen und Ärzten, die sich in den vergangenen zehn Jahren in Sachsen niedergelassen haben, und die Erwartungen von Medizinstudierenden an ihren späteren Berufsweg.
An der Online-Befragung beteiligten sich 21 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie 63 Medizinstudierende an sächsischen Hochschulen. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, geben aber wichtige Hinweise darauf, was für die Entscheidung zur Niederlassung spricht - und was sie erschwert.
Eigene Praxis bietet Gestaltungsspielraum
Die befragten Ärztinnen und Ärzte haben sich aus unterschiedlichen Gründen für eine eigene Praxis entschieden. Für jeweils 19 der 21 Befragten waren eine flexiblere und verlässlich planbare Arbeitszeit sowie mehr Freude im Arbeitsalltag besonders wichtig. 16 Ärztinnen und Ärzte nannten außerdem die bessere Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben als entscheidenden Beweggrund. Auch mehr Eigenverantwortung bei medizinischen Entscheidungen spielte eine wichtige Rolle. Für 16 Befragte war dies ein wesentlicher Grund für die Niederlassung. Weniger Bereitschafts-, Nacht- und Wochenenddienste sowie ein höheres Einkommen waren für jeweils 14 Ärztinnen und Ärzte relevant.
Die Erfahrungen zeigen: Eine eigene Praxis bedeutet nicht nur zusätzliche Verantwortung, sondern kann auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten im Berufsalltag eröffnen. Die meisten der Befragten arbeiten dabei nicht allein. Neben elf Einzelpraxen gibt es fünf Praxisgemeinschaften und vier Berufsausübungsgemeinschaften. 15 der befragten Ärztinnen und Ärzte sind in der Allgemeinmedizin oder hausärztlichen Inneren Medizin tätig.
Studierende sehen ähnliche Vorteile
Auch unter den Medizinstudierenden ist das Interesse an einer eigenen Praxis grundsätzlich groß. 45 der 63 Befragten können sich vorstellen, sich nach ihrer Facharztweiterbildung niederzulassen. 13 sind noch unentschlossen, fünf schließen diesen Weg derzeit für sich aus. Von den Studierenden, die eine Niederlassung in Betracht ziehen oder noch unsicher sind, würden 43 am liebsten in einer Praxisgemeinschaft oder Berufsausübungsgemeinschaft arbeiten.
Martje Kukula
Die wichtigsten Motive ähneln dabei den Erfahrungen der bereits niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte: 57 von 58 Studierenden bewerten eine gute Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben als relevant. 55 wünschen sich eine flexible und verlässlich planbare Arbeitszeit. Weniger Bereitschafts-, Nacht- und Wochenenddienste sind für 51 Befragte wichtig, mehr Zeit für die Behandlung der Patientinnen und Patienten für 45. Damit wird deutlich: Die Vorstellungen der Studierenden kommen nicht aus dem Nichts. Sie decken sich in zentralen Punkten mit den Erfahrungen derjenigen, die den Schritt in die eigene Praxis bereits gegangen sind.
Bürokratie und finanzielle Risiken bleiben große Themen
Eine Niederlassung bringt jedoch auch Unsicherheiten mit sich. Vor ihrer Praxisgründung oder -übernahme hatten 17 der befragten Ärztinnen und Ärzte Bedenken wegen des hohen Anteils an medizinfremden Tätigkeiten und Bürokratie. Bei 15 von ihnen bestätigten sich diese Sorgen später im Praxisalltag. Auch eine hohe Arbeitsbelastung, ein hohes finanzielles Risiko und eine unangemessene Honorierung wurden von vielen Befragten zunächst befürchtet und anschließend teilweise bestätigt.
Während des Niederlassungsprozesses waren für die Ärztinnen und Ärzte vor allem der administrative Aufwand und fehlendes betriebswirtschaftliches Vorwissen problematisch. Weitere Herausforderungen waren Sorgen über die Rahmenbedingungen der Tätigkeit, der Aufwand im Zulassungsverfahren sowie die zeitliche Planung und Organisation der Praxisgründung oder -übernahme.
Auch die Studierenden blicken auf diese Themen mit Sorge. 57 von ihnen nennen den hohen Kaufpreis einer Praxis als Bedenken, 56 das finanzielle Risiko. 53 Befragte befürchten einen hohen Anteil an Bürokratie und nicht-medizinischen Aufgaben. Für jeweils 48 Studierende sind außerdem eine hohe Arbeitsbelastung und mögliche Regressforderungen durch Krankenkassen relevante Unsicherheiten.
Mehr Niederlassungswissen schon im Studium
Die Befragung macht deutlich, dass die Vorbereitung auf den ärztlichen Beruf aus Sicht der Studierenden nicht mit der medizinischen Ausbildung enden sollte. 58 Befragte, die sich eine Niederlassung vorstellen können oder noch unentschlossen sind, wünschen sich entsprechende Inhalte bereits während des Studiums.
Besonders gefragt sind Informationen zu den rechtlichen Aspekten der Selbstständigkeit, zu verschiedenen Niederlassungs- und Kooperationsmöglichkeiten sowie zu betriebswirtschaftlichen und unternehmerischen Fragen. Genau diese Themen bereiteten auch den bereits niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten während des Gründungsprozesses Schwierigkeiten.
In Sachsen gibt es bereits verschiedene Angebote, die Studierende und junge Ärztinnen und Ärzte auf eine Tätigkeit in der ambulanten Versorgung vorbereiten. An der Universität Leipzig wird beispielsweise seit rund 15 Jahren das Wahlfach "Praxismanagement" angeboten. Dort geht es unter anderem um Niederlassung, Betriebswirtschaft, Praxismanagement und Praxisnachfolge. Darüber hinaus unterstützen das Patenprogramm LEIKA - Leipziger Kompetenzpfad Allgemeinmedizin und MiLaMed Studierende bei ihrer beruflichen Orientierung. Das Kompetenzzentrum Weiterbildung Allgemeinmedizin Sachsen (KWASa) begleitet junge Ärztinnen und Ärzte während ihrer Facharztweiterbildung.
"Wer eine eigene Praxis führt, ist nicht nur Ärztin oder Arzt, sondern auch Unternehmerin oder Unternehmer. Die Befragung zeigt, dass viele angehende Ärztinnen und Ärzte frühzeitig mehr Sicherheit bei rechtlichen, wirtschaftlichen und organisatorischen Fragen gewinnen möchten. Diese Angebote können helfen Vorbehalte abzubauen und den Weg in die eigene Praxis besser vorzubereiten", sagt Alexander Krauß, Leiter der TK-Landesvertretung Sachsen.
Unterstützung wird angenommen
Die Erfahrungen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte zeigen zugleich, dass Beratung und finanzielle Unterstützung beim Start hilfreich sein können. 12 der 21 Befragten erhielten eine finanzielle Förderung. Am häufigsten wurde dabei die Kassenärztliche Vereinigung als Fördermittelgeber genannt. Als besonders hilfreich bewerteten die Befragten Beratungen durch gewerbliche Dienstleister, etwa Banken, Rechtsberatungen, Steuerkanzleien oder Versicherungen. Auch die Beratung der Kassenärztlichen Vereinigung sowie Seminare und Workshops zum Einstieg in die Niederlassung wurden häufig genutzt. 16 Ärztinnen und Ärzte gaben allerdings an, keine zusätzlichen Beratungs- oder Unterstützungsangebote benötigt zu haben.
Ländlicher Raum: nicht ausgeschlossen, aber mit Bedingungen
Eine Niederlassung im ländlichen Raum gehört bei den Studierenden zwar nicht zu den bevorzugten Optionen. Für die große Mehrheit ist sie aber grundsätzlich vorstellbar. Nur 19 Prozent sagen, dass eine ländliche Region unter keinen Umständen für sie infrage kommt. Entscheidend sind die Bedingungen vor Ort. 52 Studierende nennen eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr als Voraussetzung, 47 die Nähe zu einer größeren Stadt. Ebenfalls wichtig sind eine verlässliche medizinische Infrastruktur und finanzielle Unterstützung. Auch geeigneter Wohnraum, Schulen und Kindertagesbetreuung sowie die Unterstützung durch die Kommune können die Entscheidung beeinflussen.
Ob jemand in einer ländlichen Region aufgewachsen ist, lässt nach den Ergebnissen keinen eindeutigen Rückschluss darauf zu, ob später dort eine Praxis gegründet oder übernommen wird. Für eine langfristige Entscheidung zählen offenbar vor allem die konkreten beruflichen und privaten Perspektiven. "Finanzielle Förderprogramme wie Stipendien oder Zuschüsse zur Praxisgründung sind wichtige Bausteine. Sie allein werden aber nicht ausreichen. Ländliche Kommunen sollten ihre Standortvorteile sichtbar machen und junge Ärztinnen und Ärzte beispielsweise bei der Praxisgründung, der Wohnungssuche und der Kinderbetreuung unterstützen", sagt Krauß.
Die Befragung zeigt damit zweierlei: Der Wunsch nach einer eigenen Praxis ist bei vielen Medizinstudierenden vorhanden. Und die Erfahrungen der bereits niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte machen deutlich, welche Unterstützung auf diesem Weg besonders wichtig ist. Wenn Arbeitsbedingungen, Beratung und das Umfeld stimmen, kann die Niederlassung auch im ländlichen Raum eine attraktive Perspektive sein.
Hinweis
Die Erhebung unter Ärztinnen und Ärzten sowie Medizinstudierenden fand im November und Dezember 2025 statt. Die Ergebnisse: