"Wir benötigen eine komplexe Reform"
Interview aus Saarland
Die Gesundheitsversorgung steht vor großen Herausforderungen - auch in der ambulanten Versorgung. Im Saarland haben sich verschiedene Verbände und Institutionen von Leistungserbringern und Patientenvertretern zum Aktionsbündnis Gesundheit Saarland zusammengeschlossen. Einer der Sprecher des Bündnisses, Dr. Josef Mischo, erklärt im Interview, wie ein Primärversorgungssystem hier helfen kann.
TK: Herr Dr. Mischo, als Sprecher des Aktionsbündnisses "Gesundheit im Saarland" und ehemaliger Präsident der Ärztekammer des Saarlandes haben Sie einen guten Überblick über die aktuellen Herausforderungen des Gesundheitssystems. Wo hakt es aus Ihrer Sicht am meisten - gerade im Saarland?
San.-Rat Dr. Josef Mischo: Das Hauptproblem aus Sicht der Patientinnen und Patienten ist sicherlich die Wartezeit auf einen Termin, besonders für einen ambulanten Termin beim niedergelassenen Facharzt. Aus Sicht der Ärzteschaft stellt der Fachkräftemangel ein großes Problem dar. Beispielsweise können nicht alle Hausarztsitze besetzt werden. Die Krankenhäuser haben neben dem Mangel an Fachkräften mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Außerdem reichen die gesetzlich geregelten Fördermittel nicht für die notwendigen Investitionen aus.
Dr. Josef Mischo
TK: Alle Beteiligten sind sich einig, dass es eine bessere Versorgungssteuerung geben muss. Welches Potenzial hat aus Ihrer Sicht eine standardisierte digitale Ersteinschätzung?
Dr. Mischo: Eine standardisierte digitale Ersteinschätzung ist in der Lage, die Patientin oder den Patienten bedarfsgerecht weiter zu vermitteln. Der oder die schwerer Erkrankte erhält zeitnah einen Termin, die Menschen mit der Anfrage für einen Routinetermin können den zu einer Zeit erhalten, in der der Betrieb etwas ruhiger ist und damit mehr Zeit für die Patientin oder den Patienten bleibt.
TK: Aus TK-Sicht sollte ein Primärversorgungssystem nach dem Schema digital vor ambulant vor stationär etabliert werden. Was wäre bei diesem Ansatz wichtig?
Dieses Versorgungsschema muss mit allen Akteuren der Gesundheitsversorgung gemeinsam aufgebaut werden.
Dr. Mischo: Dieses Versorgungsschema ist absolut sinnvoll. Aber es bedarf einer sehr guten Aufklärung und Information der Bevölkerung. Die Menschen müssen wissen und verstehen, warum die Versorgung so strukturiert wird und welche Vorteile sie davon haben. Auch dürfen diejenigen, die mit digitalen Strukturen nicht klarkommen, nicht allein gelassen werden und "auf der Strecke bleiben".
Dieses Versorgungsschema muss auch mit allen Akteurinnen und Akteuren der Gesundheitsversorgung gemeinsam aufgebaut werden. Die Niedergelassene Haus- und Fachärzteschaft, Ärztinnen und Ärzte in den Kliniken, nichtärztliche Fachkräfte, Kostenträger sowie Gesundheitspolitikerinnen und -politiker müssen miteinander reden und an einem Strang ziehen. Im Saarland haben wir hier deutlich bessere Voraussetzungen als in den meisten anderen Bundesländern!
TK: Der Fachkräftemangel ist auch an der Saar spürbar. Wie können mehr Steuerung und Delegation von ärztlichen Tätigkeiten dabei helfen?
Dr. Mischo: Eine bessere Steuerung vermeidet unnötige Arztkontakte und hilft, Ressourcen zu schonen. Eine Delegation ärztlicher Tätigkeiten an kompetente nichtärztliche Fachkräfte entlastet Ärztinnen und Ärzte und schafft mehr Raum für die Versorgung von komplexeren Fällen.
TK: Wie müssen sich aus Ihrer Sicht Versorgungsstrukturen und Rahmenbedingungen ändern, damit wir auch weiterhin ein qualitativ hochwertiges und zukunftssicheres Gesundheitssystem haben?
Dr. Mischo: Wir benötigen eine komplexe Reform und müssen an vielen Stellschrauben Verbesserungen vornehmen. Zum Beispiel:
- Bei einem strukturierteren Zugang zu Versorgungsleistungen durch eine Patientensteuerung,
- durch einen massiven Abbau von Bürokratie, um medizinischem Personal mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten zu ermöglichen,
- durch Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel, etwa durch eine verstärkte Übertragung von Aufgaben an nichtärztliche Fachkräfte und durch eine schnellere Integration ausländischer Fachkräfte bei nachgewiesener Qualifikation.
Alle Verbesserungen können nur durch eine enge und vertrauensvolle Kooperation aller Beteiligten umgesetzt werden. Zusätzlich benötigen wir eine gute Analyse des tatsächlichen Versorgungsbedarfs.
An allen diesen Punkten arbeitet das Aktionsbündnis Gesundheit Saarland sehr intensiv in enger Abstimmung mit der Gesundheitspolitik auf Landes- und Bundesebene sowie den Kostenträgern.
Hinweis zur Person
San.-Rat Dr. Josef Mischo, ehemaliger Präsident der Ärztekammer des Saarlandes, ist gemeinsam mit Peter Springborn, Geschäftsführer des VdK Saarland, als Sprecher des Aktionsbündnisses Gesundheit Saarland eingesetzt. Das Interview wurde mit Dr. Mischo geführt, die Antworten werden aber auch von Herrn Springborn mitgetragen.