"Paradigmenwechsel in der Digitalisierung"
Interview aus Saarland
Florian Schäfer ist gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im saarländischen Landtag. Im Interview geht er auf die Digitalisierungsstrategie des Bundesgesundheitsministeriums ein - und legt dar, warum darin das Potenzial schlummert, einen konkreten Mehrwert für die Versorgung zu schaffen.
TK: Herr Schäfer, die Bundesregierung hat kürzlich ihre Digitalisierungsstrategie im Gesundheitswesen und der Pflege vorgelegt, aus der bald ein Gesetzestext entstehen soll. Wie haben Sie die Digitalstrategie aufgenommen?
Florian Schäfer: Ich habe die Strategie insgesamt positiv aufgenommen, weil sie einen echten Paradigmenwechsel in der Digitalisierung des Gesundheitswesens einleitet. Besonders die konsequente Weiterentwicklung der elektronischen Patientenakte ist ein entscheidender Schritt. Damit wird die ePA aus der bisherigen Nischenanwendung herausgeführt und erstmals flächendeckend nutzbar.
Die Strategie adressiert zentrale Schwächen der bisherigen Digitalisierung: zu geringe Nutzung, fehlende Interoperabilität und zu wenig konkrete Anwendungen im Versorgungsalltag. Gleichzeitig wird deutlich, dass Digitalisierung nicht Selbstzweck ist, sondern einen konkreten Mehrwert für Patientinnen und Patienten sowie Leistungserbringer schaffen soll - etwa durch bessere Datenverfügbarkeit, weniger Doppeluntersuchungen und mehr Patientensicherheit.
Florian Schäfer
TK: Ein zentraler Aspekt der Strategie liegt in der Datennutzung. Aus TK-Sicht liegt dabei ein zentraler Hebel in einer Erweiterung der Möglichkeiten auch für Krankenkassen. Damit könnten Krankenkassen gezielter auf individuelle Versichertenbedürfnisse eingehen. Wir als TK fordern zudem, dass die Krankenkassen die Möglichkeit erhalten, eigenständig ePA‑Anwendungen entwickeln zu dürfen. Warum ist das aus ihrer Sicht wichtig? Und wie kann das dabei helfen, den Nutzen der ePA zu erhöhen?
Schäfer: Die erweiterte Datennutzung ist aus meiner Sicht ein zentraler Hebel, um die ePA tatsächlich in die Versorgung zu integrieren. Wenn Krankenkassen Daten unter klaren datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen besser nutzen können, entsteht erstmals die Möglichkeit, Versorgung stärker zu individualisieren.
Konkret bedeutet das: Versicherte können gezielter angesprochen werden, etwa bei Präventionsangeboten, bei chronischen Erkrankungen oder bei Versorgungsbrüchen. Gleichzeitig ermöglicht die Entwicklung eigener ePA-Anwendungen durch die Kassen, dass innovative, nutzerorientierte Lösungen entstehen, die über eine reine Dokumentenablage hinausgehen.
Der Nutzen der ePA steigt genau dann, wenn sie aktiv im Versorgungsgeschehen genutzt wird. Durch strukturierte Daten, automatisierte Befüllung und konkrete Anwendungsfälle wie den digitalen Medikationsprozess wird die ePA zu einem echten Arbeitsinstrument für alle Beteiligten.
Wenn das gelingt, sprechen wir nicht mehr über Digitalisierung einzelner Prozesse, sondern über eine echte Transformation des Systems hin zu mehr Qualität, Sicherheit und Effizienz.
TK: Wie wichtig ist es, dass sich die ePA dadurch immer mehr zum zentralen Dreh- und Angelpunkt der Gesundheitsversorgung entwickelt?
Schäfer: Das ist aus meiner Sicht entscheidend für den Erfolg der gesamten Digitalisierungsstrategie. Solange Gesundheitsdaten fragmentiert in unterschiedlichen Systemen liegen, entstehen Ineffizienzen und Risiken für die Versorgung.
Die ePA kann hier die zentrale Plattform werden, auf der alle relevanten Informationen zusammenlaufen - sektoren- und professionsübergreifend. Genau dieses Zielbild zeichnet auch die Strategie: eine weitgehend automatisierte Befüllung, standardisierte Daten und verbindliche Nutzung in der Versorgung.
Wenn das gelingt, sprechen wir nicht mehr über Digitalisierung einzelner Prozesse, sondern über eine echte Transformation des Systems hin zu mehr Qualität, Sicherheit und Effizienz.
TK: Die Digitalisierungsstrategie adressiert mit dem Schaffen der Voraussetzungen einer digitalen Ersteinschätzung und dem Ausbau der digitalen Terminvergabe die Grundlagen eines modernen Primärversorgungssystems. Warum sind diese Elemente wichtig für ein funktionierendes Primärversorgungssystem?
Schäfer: Diese Elemente ist ein wichtiger Schritt hin zu einem stärker gesteuerten und zugleich patientenorientierten Zugang zur Versorgung. Eine digitale Terminplattform kann Transparenz schaffen, Zugänge erleichtern und Wartezeiten reduzieren.
Die digitale Ersteinschätzung - also eine strukturierte, digitale Einschätzung des Behandlungsbedarfs - kann dabei helfen, Patientinnen und Patienten schneller in die richtige Versorgungsebene zu lenken. Das entlastet insbesondere Hausarztpraxen und Notaufnahmen und sorgt gleichzeitig dafür, dass Ressourcen zielgerichteter eingesetzt werden.
Entscheidend wird sein, dass diese Systeme gut miteinander verzahnt sind und auf verlässlichen Daten basieren - idealerweise eingebettet in die ePA. Dann entsteht ein digitales Primärversorgungssystem, das sowohl effizient als auch patientenzentriert funktioniert.
Zusammenfassend: Grundsätzlich ist der Entwurf zu begrüßen und eine klare strategische Linie. Weg von isolierten digitalen Anwendungen hin zu einem vernetzten, datenbasierten Gesundheitswesen. Jetzt kommt es darauf an, die Umsetzung konsequent und praxisnah zu gestalten.