Es fehlen verbindliche Übergänge in die Regelversorgung
Interview aus Saarland
Dr. Ralph Nonninger hat in seinem beruflichen Leben schon viel erlebt. Ein Thema hat ihn dabei schon immer begleitet: Innovation. Der Experte auf dem Bereich Nano- und Biotechnologie ist aktuell auch Sprecher des WIR-Bündnisses Health.AI. In dieser Rolle blickt er auf das KI-Symposium zurück und erklärt, wie sich die Rahmenbedingungen für ein innovationsfreundliches Gesundheitswesen ändern müssen.
TK: Herr Nonninger, Sie beschäftigen sich beruflich schon lange mit dem Thema Innovationen. Mit Blick auf das Gesundheitswesen: Was müsste sich aus Ihrer sich ändern, damit Innovationen schneller und besser auf den Gesundheitsmarkt kommen?
Dr. Ralph Nonninger: Wir sind sehr gut darin, Risiken zu regulieren, aber deutlich schlechter darin, Innovation systematisch zu ermöglichen. Konkret sehe ich hier drei Ansatzpunkte:
Erstens: Wir müssen die Trennung zwischen Forschung und Entwicklung sowie Versorgung und Markt deutlich stärker auflösen. Innovationen entstehen häufig in exzellenten F&E-Projekten, bleiben aber in Pilot- oder Projektlogiken stecken. Was fehlt, sind verbindliche Übergänge in reale Versorgungsprozesse - mit klaren Verantwortlichkeiten, Finanzierungsmodellen und Skalierungspfaden.
Dr. Ralph Nonninger
Zweitens: Der Zugang zu Gesundheitsdaten muss strukturiert, rechtssicher und kooperativ organisiert werden. Heute erleben wir oft Insellösungen: Daten werden erzeugt, aber nicht genutzt, oder sie sind rechtlich so schwer zugänglich, dass Innovation ausgebremst wird. Wir brauchen vertrauenswürdige Datenräume, in denen Datennutzung nicht als Risiko, sondern als Voraussetzung für bessere Versorgung verstanden wird - selbstverständlich unter höchsten ethischen und datenschutzrechtlichen Standards. Und wenn ich das sagen darf, das ist das Kernthema von Health.AI und seinen wissenschaftlichen Begleitprojekten.
Drittens: Innovation braucht im Gesundheitswesen eine andere Governance-Kultur. Statt Einzelanwendungen zu bewerten, sollten wir stärker ganze Innovationsökosysteme betrachten, so wie wir dies in Health.AI vorleben, einem Netzwerk bestehend aus Kliniken, Industrie, Forschung, Start-ups und Versorgern. Gerade bei KI ist der Nutzen selten ein einzelnes Produkt, sondern entsteht durch das Zusammenspiel vieler Akteure und Datenquellen.
Ich möchte ihre Frage aber auch in einem Satz beantworten. Innovationen kommen dann schneller und besser in den Markt, wenn wir früher an die Umsetzung denken, Daten als gemeinsame Ressource begreifen und kooperative Strukturen systematisch fördern.
TK: Mitte Januar fand das KI-Symposium an der Uniklinik des Saarlandes statt. Dort wurden viele Entwicklungen präsentiert und diskutiert. Welche Rolle kann Künstliche Intelligenz denn im Gesundheitswesen übernehmen - gerade mit Blick auf Innovationen?
Dr. Nonninger: Künstliche Intelligenz hat das Potential im Gesundheitswesen eine Schlüsselrolle als Enabler von Innovation zu übernehmen, wenn wir sie nicht als Selbstzweck einsetzen, sondern als Werkzeug zur Verbesserung von Versorgung, Prozessen und Entscheidungen.
Gerade im Rahmen des KI-Symposiums wurde deutlich: KI entfaltet ihren Mehrwert vor allem dort, wo sie komplexe Datenmengen strukturiert, Muster sichtbar macht und medizinisches Fachpersonal gezielt unterstützt. Das betrifft zum Beispiel die frühere Erkennung von Erkrankungen, die individualisierte Therapieplanung oder die Entlastung von Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften.
Für Innovationen ist dabei entscheidend, dass KI nicht isoliert entwickelt wird. Ihr Nutzen entsteht im Zusammenspiel von Daten, klinischem Wissen und Versorgungsrealität. Deshalb müssen KI-Lösungen früh in reale Versorgungskontexte eingebunden und diese gemeinsam mit den Anwendern entwickeln werden. Das war der tiefere Sinn des von ihnen angesprochenen KI-Symposium.
TK: Sie sind Koordinator des Netzwerks Health-AI, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund 15 Millionen Euro gefördert wird. Wie sehen Sie die Rolle des Netzwerks mit Blick auf das saarländische Gesundheitssystem?
Dr. Nonninger: Health.AI kann eine strategische Brücke zwischen Innovation und Versorgung im saarländischen Gesundheitssystem sein. Unsere Rolle ist es dabei nicht, einzelne Technologien zu entwickeln, sondern Strukturen zu schaffen, in denen Innovation dauerhaft wirksam werden kann.
Wir vernetzen 181 größtenteils regionale Partner aus Forschung, Industrie und Versorgung und bündeln über 20 F&E-Projekte entlang realer Bedarfe des Gesundheitssystems im Saarland. Dadurch entstehen Lösungen nicht im Labor, sondern in enger Kopplung an klinische, ambulante und pflegerische Versorgungskontexte.
Ein zentraler Beitrag des Netzwerks ist der Aufbau gemeinsamer Daten- und Innovations-Infrastrukturen. Gerade im Saarland - mit seiner überschaubaren Größe, aber hoher Dichte an Versorgungsakteuren - besteht eine besondere Chance, neue Formen der datenbasierten Zusammenarbeit zu erproben, in die Fläche zu bringen und als Modellregion für KI im Gesundheitswesen national wahrgenommen zu werden.
TK: Welche Erfolge konnte das Netzwerk bislang erreichen und was sind die nächsten Ziele?
Dr. Nonninger: Das Netzwerk Health-AI hat in den vergangenen Monaten vor allem eines erreicht. Es ist gelungen, aus einer Vielzahl einzelner Akteure ein funktionierendes Innovationsökosystem zu formen. Mit den angesprochenen 181 Partnern aus Forschung, Industrie und Versorgung, mit unseren beiden wissenschaftlichen Begleitprojekten, die sich um etische und rechtliche Fragestellungen, rund um den Umgang mit Gesundheitsdaten, kümmern und mit unseren über 20 laufenden F&E-Projekten haben wir eine Struktur geschaffen, in der Zusammenarbeit nicht punktuell, sondern systematisch stattfindet.
Die Projekte sind nicht isoliert angelegt, haben also nicht nur das eigene Projektziel im Blick, sondern zahlen auch auf übergeordnete Fragestellungen ein - etwa den verantwortungsvollen Umgang mit Gesundheitsdaten, den Einsatz von KI in realen Versorgungsszenarien oder die Überführung von Forschungsergebnissen in wirtschaftliche und versorgungsrelevante Anwendungen. Dadurch entstehen Synergien, die weit über einzelne Projektlaufzeiten hinauswirken.
Andererseits sind wir noch mittendrin in unserer Arbeit und wollen noch viel erreichen. So ist es unser Ziel, tragfähige Strukturen für die Nachnutzung zu schaffen, etwa durch gemeinsame Dateninfrastrukturen, Ausgründungen oder die Integration von Lösungen in bestehende Versorgungsprozesse. Damit wollen wir Strukturwandelimpulse in der Region verankern und das Saarland als Modellregion für KI-gestützte Gesundheitsinnovation national etablieren.