Schütteltrauma: "Warum Aufklärung Leben retten kann"
Artikel aus Rheinland-Pfalz
Mit der Neuauflage des Informationsflyers "Babys bitte nicht schütteln" möchte die Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK) Rheinland-Pfalz Eltern und Betreuungspersonen für die Gefahren des Schüttelns sensibilisieren und Hilfestellung für belastende Situationen geben.
Im nachfolgenden Beitrag erläutert Professor Dr. Tanja Germerott, Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, welche schwerwiegenden Verletzungen ein Schütteltrauma verursachen kann und warum Aufklärung und frühzeitige Unterstützung so wichtig sind.
Statement Prof. Dr. Tanja Germerott, Rechtsmedizinerin an der Medizinischen Hochschule Hannover sowie an der Universität Bern:
"Das Schütteltrauma zählt zu den schwerwiegendsten Formen körperlicher Gewalt gegen Säuglinge und kann lebensbedrohliche Folgen haben. Aufgrund ihrer noch unzureichend entwickelten Nackenmuskulatur und der besonderen Verletzlichkeit des unreifen Gehirns können heftige Schüttelbewegungen schwerste Hirnverletzungen verursachen. Diese können dauerhafte kognitive und motorische Beeinträchtigungen nach sich ziehen oder sogar zum Tod führen. Dabei müssen äußerlich sichtbare Verletzungen nicht vorhanden sein.
Prof. Dr. Tanja Germerott
Aus rechtsmedizinischer Sicht kommt der Prävention eine besondere Bedeutung zu, da die Folgen einer solchen Gewalteinwirkung für die betroffenen Kinder häufig lebenslang sind. Gleichzeitig können anhaltendes Schreien, Schlafmangel und Erschöpfung Eltern und andere Betreuungspersonen an ihre Belastungsgrenzen bringen. Gerade in solchen Situationen ist es wichtig, Überforderung frühzeitig wahrzunehmen und zu wissen, wie man handeln kann.
Ein Säugling darf niemals geschüttelt werden, auch nicht aus Verzweiflung, Hilflosigkeit oder in der Hoffnung, das Schreien dadurch zu beenden. Wenn die Anspannung zu groß wird, ist es richtig, das Kind in seinem sicheren Bett abzulegen, kurz Abstand zu nehmen, durchzuatmen und Unterstützung zu holen. Familie, Freunde, Hebammen, Kinderärztinnen und Kinderärzte sowie Beratungsstellen können dabei helfen, belastende Situationen zu bewältigen.
Aufklärung über die Gefahren des Schüttelns und konkrete Strategien im Umgang mit anhaltendem Schreien sind wesentliche Bausteine der Prävention. Überforderung kann auftreten und sollte ernst genommen werden, sie darf jedoch niemals zu Gewalt gegen ein Kind führen. Rechtzeitig Entlastung zu suchen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein wichtiger Beitrag zum Schutz des Kindes.
Schütteln ist vermeidbar. Wissen, Unterstützung und rechtzeitiges Handeln können schwere Verletzungen verhindern und Leben retten."
Zur Person
Prof. Dr. Tanja Germerott ist Rechtsmedizinerin und war an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sowie an der Universität Bern tätig. Seit 2017 leitet sie als Direktorin das Institut für Rechtsmedizin in Mainz. Einer ihrer fachlichen Schwerpunkte liegt in der klinisch-forensischen Medizin, zudem ist sie zertifizierte Kinderschutzmedizinerin.