Allerdings werden aus Sicht der Techniker Krankenkasse (TK) im Bereich der Prävention noch nicht alle Chancen genutzt. Wie die Politik Strukturen stärken könnte, wie Prävention in den Lebenswelten erfolgreich gelingt und welche Rolle Gesundheitsdaten in der Individualprävention spielen können, erläutert Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg, im Interview.

TK: Frau Puttfarcken, warum sind Gesundheitsförderung und Prävention für das Gesundheitswesen insgesamt, aber auch für jeden einzelnen von uns relevant?  

Maren Puttfarcken: Wir alle möchten gesund und mobil leben und alt werden. Was erstmal nach einem leicht umsetzbaren Wunsch klingt, wird allerdings von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst: Wie wir uns ernähren und bewegen, ob jemand raucht oder Alkohol konsumiert, unter welchen sozioökonomischen Verhältnissen man aufwächst oder wie die Arbeitsbedingungen im Berufsalltag sind. Zudem gerät unser Gesundheitssystem zunehmend unter Druck. Dazu trägt unter anderem der demografischen Wandel bei: Während die Zahl älterer Menschen und der Bedarf an medizinischer Versorgung steigen, nimmt zeitgleich die Zahl der verfügbaren Fachkräfte ab. Außerdem sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung in den vergangenen Jahren stark angestiegen, und wir müssen langfristig Strukturreformen umsetzen.

Damit wir diesen Herausforderungen begegnen können, sind nicht nur innovative Konzepte gefragt - entscheidend ist vor allem eine nachhaltige Entlastung der Versorgungssysteme. Hierfür müssen wir die Themen Gesundheitsförderung und individuelle Prävention stärker in den Fokus rücken. Leistungsausgaben der Krankenkassen könnten durch gute Prävention vermieden werden: Es ist besser, Gesunderhaltung zu finanzieren als die Behandlung von vermeidbaren Krankheiten. Zum Ende des Jahres soll die FinanzKommission Gesundheit ihren zweiten Bericht vorstellen. Darin soll es auch ausdrücklich um Maßnahmen im Bereich der Prävention gehen. Das ist richtig und wichtig. Wir müssen anfangen, Prävention als ein Grundprinzip unseres Gesundheitssystems anzusehen.
 

Maren Puttfarcken

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Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg

Wir müssen anfangen, Prävention als ein Grundprinzip unseres Gesundheitssystems anzusehen. Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg

TK: Was braucht es, damit gute Prävention gelingen kann und welche Themenbereiche sind hier besonders herausfordernd?  

Puttfarcken: Das Wichtigste ist, dass wir die Menschen dort erreichen, wo sie leben, lernen und arbeiten - also in den Lebenswelten wie Kita, Schule und Arbeitsplatz. Hier gibt es bereits viele qualitätsgeprüfte und von den Krankenkassen bereitgestellte Angebote aus unterschiedlichen Bereichen wie Ernährung, Stressreduktion oder Bewegung. Allerdings müssen diese Angebote auch nachhaltig umgesetzt werden können. Zudem sollte der Zugang niedrigschwellig und ohne Hürden möglich sein. 

Insbesondere in den sensiblen Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen, also in den Kitas und Schulen, müssen wir die körperliche und seelische Gesundheit stärker in den Blick nehmen. Gerade zu Beginn des Lebens sind eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und ein maßvoller Umgang mit Bildschirmmedien entscheidend. Durch Ernährungsbildungsangebote in Kindergärten oder bundesweit verbindliche Qualitätsstandards in der Schulverpflegung können Kinder früh an eine ausgewogene und gesunde Ernährung herangeführt werden. Hier hakt es jedoch oftmals an den Rahmenbedingungen, wie etwa den Arbeitsbedingungen oder der Finanzierung. Auch verfügen Fachkräfte häufig nicht über die erforderlichen Ressourcen, um Präventionsprojekte umzusetzen.

Ein Thema, das in den vergangenen Jahren immer stärker in den Fokus gerückt ist und einen zentralen Baustein der lebensweltnahen Prävention darstellt, ist die Resilienz. Das seelische Wohlbefinden und die innere Widerstandsfähigkeit des Einzelnen sind wichtig, um gesundheitlichen Folgen von psychischen Belastungen, Einsamkeit und gesellschaftlichen Herausforderungen wirksam vorzubeugen. Daher müssen wir die Menschen befähigen, ihre psychischen Ressourcen zu stärken. Ein besonderes Augenmerk in der Prävention und Gesundheitsförderung sollte auf Personen in Schlüsselpositionen, etwa in der Pflege oder in Bildungseinrichtungen, liegen. Diese müssen gezielt geschult werden, um Belastungen zu erkennen und Betroffenen Hilfsangebote zu vermitteln. Hier stehen auch die Arbeitgeber in der Verantwortung.

TK: Welches Potenzial bieten Gesundheitsdaten für die individualisierte Prävention?  

Puttfarcken: Damit Prävention wirken kann, muss sie individuell sein und die tatsächliche Lebenssituation berücksichtigen. Nicht alle Menschen sind den gleichen Risiken ausgesetzt. Daher benötigen wir Präventionsmaßnahmen, die individuelle Faktoren systematisch einbeziehen. Aus unserer Sicht braucht es einen Neustart in der Prävention, indem es den Kassen erlaubt wird, Präventionsangebote auf der Basis von individuellen Gesundheitsdaten passgenau anzubieten. Dafür sollten vorhandene und bisher ungenutzte Gesundheitsdaten gezielt zusammengeführt werden. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz könnten zudem persönliche Gesundheitsrisiken besser und schneller erkannt und passgenaue individualisierte Präventionsangebote entwickelt werden.

Hierfür benötigen die Krankenkassen mehr Befugnisse in der Datennutzung. Das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG) macht Gesundheitsdaten erstmals sicher und systematisch für Forschung und Versorgung nutzbar. Allerdings können Krankenkassen nach §25b SGB V Gesundheitsdaten nur zur Erkennung von schwerwiegenden gesundheitlichen Risiken nutzen. Diese Regelung muss so weiterentwickelt werden, dass datengestützte frühzeitige Risikoerkennungen auch für Risiken häufiger chronischer Krankheiten möglich werden. Dafür benötigen die Krankenkassen die Daten in Echtzeit. Wir fordern, dass alle Daten der ambulanten und stationären Versorgung, einschließlich ärztlich attestierter Präventionsempfehlungen, tagesaktuell und strukturiert in der ePA bereitgestellt werden. Mit Zustimmung unserer Versicherten könnten wir auf die Daten zugreifen und Versicherte mit indiziertem Präventionsbedarf gezielt ansprechen und in qualitätsgesicherte Präventionsangebote weiterleiten.

TK: Welche politischen Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, damit Prävention und Gesundheitsförderung gelingen kann?  

Puttfarcken: Prävention muss stärker als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Im Sinne eines "Health-In-All-Policies"-Ansatzes sollten Prävention und Gesundheitsförderung in allen Politikbereichen verankert und steuerfinanziert erbracht werden. Es ist richtig, dass die Krankenkassen verpflichtet sind, Mittel für Prävention auszugeben. Aber die Verantwortung für gesundheitsfördernde Lebenswelten sollte gesamtgesellschaftlich getragen werden. Dazu gehört auch die Förderung einer gesunden Umwelt. Hier sind auch Bund, Länder und Kommunen in der Pflicht.

Zudem kann Gesundheitsförderung nur dann gelingen, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse konsequent umgesetzt und gesundheitsschädliche Einflüsse wirksam begrenzt werden. Durch übermäßigen Zuckerkonsum, Alkohol und Tabak entsteht eine hohe Krankheitslast, die nachhaltig gesenkt werden muss. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie haben sich in der Vergangenheit als wenig wirksam erwiesen und reichen nicht aus, um gesundheitliche Risiken spürbar zu reduzieren. Daher müssen wirksame Lenkungsinstrumente eingeführt werden, um den gesundheitsgefährdenden Konsum zu reduzieren und gesunde Entscheidungen zu erleichtern. Dazu gehört auch die Einführung einer Steuer auf stark zuckerhaltige Produkte, die Produzenten zu gesünderen Rezepturen anreizt und den Konsum übermäßiger Zuckermengen verringert. Ergänzend braucht es klare Werbebeschränkungen für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- oder Salzgehalt, insbesondere dort, wo Kinder und Jugendliche erreicht werden. Auch die Bewerbung und Verfügbarkeit von Tabak- und Nikotinprodukten und Alkohol sollte stärker einschränkt und der Zugang zu diesen stark gesundheitsgefährdenden Produkten durch eine deutliche Erhöhung der Verbrauchssteuern erschwert werden.

TK-Position: Gesundheitsförderung & Prävention

In der Position " Gesundheitsforderung & individuelle Prävention fördern " spricht sich die TK dafür aus, dass die Gesundheitsförderung in den Lebenswelten gestärkt, individuelle Prävention datengestützt weiterentwickelt und gesundheitsschädliche Einflüsse durch gezielte Regulierung wirksam begrenzt werden.