"Gerade in der Krebsmedizin ist man häufig mit Tod, Trauer, schweren Komplikationen und intensiven Gesprächen konfrontiert. Das geht nicht immer spurlos an einem vorüber und ist vollkommen menschlich", erklärt Sabrina Maier, Psycho-Onkologin am Krebszentrum-CCC München des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität.

Sabrina Maier ist gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Theresia Pichler Gründerin eines Peer-Support Teams, das sich um Kolleginnen und Kollegen kümmert, die über ihre Belastungen sprechen und sich kurzfristig Hilfe holen möchten. Die so genannten Peers (englisch für Gleichgesinnte) bieten vertrauliche und strukturierte Einzel- oder Gruppengespräche an und helfen dabei, das Erlebte einzusortieren, Gedankenstrudel zu unterbrechen und Gefühle zu normalisieren.

Sabrina Maier

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Psycho-Onkologin am Krebszentrum-CCC München des Klinikums der LMU 

17 Mitarbeitende der Klinik für Hämatologie und Onkologie (Med. III) am LMU Klinikum wurden mittlerweile vom Verein PSU-Akut (PsychoSoziale Unterstützung) e.V. zu Peers ausgebildet, darunter sieben Pflegefachkräfte, vier Ärztinnen, drei Ärzte und zwei Psychologinnen. Die TK hat das Projekt im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements finanziert. 

Wir sprechen dieselbe Sprache

"In unserem Team sind verschiedene Berufsgruppen der Stationen vertreten, sodass die Gespräche auf Augenhöhe stattfinden können. Wir kommen außerdem aus demselben Setting und sprechen sozusagen dieselbe Sprache", so Maier. Termine gibt es zu flexiblen Uhrzeiten und innerhalb von 48 Stunden. Außerdem ist das Peer-Support Team auf verschiedenen Wegen zu erreichen. 

Das niederschwellige Angebot ist weder eine kurze Unterhaltung auf dem Gang noch eine psychotherapeutische Intervention - es ist ein Gespräch unter Kolleginnen und Kollegen in einem festen professionellen Rahmen, zur Entlastung, Strukturierung und bei Bedarf Weitervermittlung. Unterstützung bekam das Team von ihrem Klinikdirektor Prof. Michael von Bergwelt und der Personaloberärztin Dr. Friederike Mumm, die von der Präventionsarbeit der Peers überzeugt sind und ermöglichen, dass die Gespräche im Arbeitssetting stattfinden können.

Oft zeigt sich: Es braucht nicht viel, um das Erlebte zu verarbeiten, die Sicherheit zurückzugewinnen und wieder handlungsfähig zu sein. "Wir kümmern uns vor allem um die so genannten Skills, das heißt, um die eigenen Fertigkeiten und Methoden, sich zu stabilisieren und loszulassen. Wir geben Impulse und finden gemeinsam heraus, was im Alltag guttut, zum Beispiel das warme Bad am Abend oder das Treffen mit einer Freundin oder einem Freund", erklärt Maier. 

Welche Prozesse im Gehirn werden in Stress-Situationen angestoßen? 

Zu einem Peer-Gespräch kann auch die Psychoedukation gehören: Welche Prozesse im Gehirn werden in Stress-Situationen angestoßen? Welchen Effekt haben sie auf den Körper? Sabrina Maier verwendet gerne das Bild von einem unsortierten Wäschekorb. "Wird etwas nicht gut verarbeitet, liegt es wie die Wäsche im Wäschekorb. Gemeinsam sortieren wir die Wäsche in den Schrank.", so Maier. Eine Woche nach dem Gespräch wird geklärt, ob es der Kollegin oder dem Kollegen besser geht. Bei Bedarf stellt das Team den Kontakt zu weiteren professionellen Hilfsangeboten her.

Peer-Support Team

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Mitarbeitende und ausgebildete Peers der Klinik für Hämatologie und Onkologie am LMU Klinikum helfen dabei, das Erlebte einzusortieren, Gedankenstrudel zu unterbrechen und Gefühle zu normalisieren. 

Stabilisierung und Rückgewinnung von Handlungskompetenzen 

Das Konzept der Peers ist gut erforscht und wird bereits auch in anderen Kliniken in Deutschland gelebt. Ergebnisse zeigen, dass das niederschwellige Angebot die Belastung, den moralischen Stress und das Risiko von Überlastungsreaktionen beim Klinikpersonal reduzieren kann. Außerdem kann ein zeitnahes Gesprächsangebot auf Augenhöhe zur raschen Stabilisierung und Rückgewinnung von Handlungskompetenzen beitragen, wodurch eine schnelle Rückkehr in normale Arbeitsabläufe ermöglicht und damit eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung gefördert wird. 

Studien zeigen, dass ein Peer Support System nicht nur aus psychosozialer Perspektive hoch relevant ist, sondern auch in Hinblick auf gesundheitsökonomische Aspekte zum Beispiel durch reduzierte Fehlzeiten der Mitarbeiter. Letztlich bietet ein Peer-Support Projekt auch positive Effekte auf die Patientensicherheit, indem die Sicherheit und Arbeitsfähigkeit in den medizinischen Teams nach Ausnahmesituationen zurückgewonnen werden.

Mehr Aufmerksamkeit für mentale Gesundheit von Gesundheitsmitarbeitenden

Für Sabrina Maier und ihre Peers ist klar: "Es gehört heute zur Professionalität dazu, immer wieder zu reflektieren und sich im klinischen Alltag Hilfe zu holen." Langfristig soll das Projekt empirisch evaluiert und auf weitere Kliniken ausgerollt werden. Es ist Teil eines umfangreichen Prozesses zur Einführung gesundheitsförderlicher Strukturen am LMU Klinikum, den die Arbeitsgruppe Medizinische Organisationspsychologie innovativ und richtungsweisend mitgestaltet. Ziel dabei ist es, der mentalen Gesundheit von Gesundheitsmitarbeitenden mehr Aufmerksamkeit zu schenken und ernsthaften Belastungen vorzubeugen.