TK: Sehr geehrter Herr Cardinal, die TK ist immer auf der Suche nach Innovationen für das Gesundheitswesen. Warum und welche Rolle spielen dabei Start-ups?

Daniel Cardinal: Wir sollten als Krankenkasse - neben dem klassischen, gesetzlich geregelten Leistungsspektrum - neuartige Leistungen oder Behandlungspfade erschließen. Schließlich ist es unser Anspruch, die bestmögliche Versorgung für unsere Versicherten anzubieten.

Daniel Cardinal

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Leiter des Geschäftsbereichs Versorgungsinnovation der Techniker Krankenkasse

Start-ups liefern mit ihrem externen Blick auf das Gesundheitswesen neue Impulse und Ideen für die Versorgung. Wir profitieren bei der Zusammenarbeit nicht nur vom Mehrwert für unsere Versicherten, sondern entwickeln uns dabei auch selbst weiter.

TK: Deutschland zählt mit der Einführung der Apps auf Rezept, also den digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), zu den Vorreitern auf diesem Gebiet. Was läuft gut und wo besteht noch Verbesserungspotenzial?

Cardinal: Erst einmal ist es super, dass die strukturierte Einführung von Apps auf Rezept in das primäre Versorgungssystem funktioniert hat. Damit ist Deutschland tatsächlich Vorreiter. Auch das Zusammenspiel aller Beteiligten und die Einführung des Prozesses inklusive einer Nutzenbewertung hat gut funktioniert. Und das alles nach dem Sachleistungsprinzip, also entweder von der Ärztin beziehungsweise dem Arzt verordnet oder auf eigenen Antrag bei der Krankenkasse beantragt, ohne in Vorleistung gehen zu müssen.

Die im Dezember vereinbarte Höchstpreisregelung ist ein wichtiger erster Schritt, um das Wirtschaftlichkeitsgebot der GKV zu erfüllen. Daniel Cardinal

Allerdings sind die Preise der Anwendungen verhältnismäßig hoch. Die Kosten für eine 90-tägige Anwendung im ersten Jahr liegen aktuell im Schnitt bei mehr als 475 Euro. Die im Dezember vereinbarte Höchstpreisbremse erweist sich als Papiertiger: Sie greift erst ab 2.001 Rezepten und reduziert den Preis nach ersten Modelrechnungen lediglich um 6,6 Prozent. Damit sich DiGA langfristig in der Versorgung etablieren können, bedarf es hier wirksamerer Mechanismen hinsichtlich der Preisfindung, die sich stärker an der analogen Therapie für die entsprechende Erkrankung orientieren sollten.

TK: In der vergangenen Legislaturperiode wurde auf Bundesebene vieles im Bereich Digitalisierung des Gesundheitswesens angestoßen. Was sind aus Ihrer Sicht die nächsten Schritte?

Cardinal: Der Weg, der in der vergangenen Legislaturperiode eingeschlagen wurde, muss konsequent weitergegangen werden. Dazu brauchen wir eine klare Vision mit eindeutiger Verantwortungszuordnung. Der Bund muss mit dem Breitbandausbau eine Grundstruktur schaffen, die Gematik die entsprechende digitale Infrastruktur. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung muss die medizinische Expertise in der Entwicklung der einzelnen Anwendungen einbringen und die Anbieter der Praxis-Verwaltungssysteme müssen für eine Anbindung in der Fläche sorgen. Wir als Krankenkasse sind für die Schnittstelle zu den Versicherten zuständig. Wenn alle gemeinsam so an einem Strang ziehen, können wir die Digitalisierung voranbringen.

Ein weiterer wichtiger Schritt ist eine Datennutzung unter bestmöglichem Datenschutz möglich zu machen - auch für uns Krankenkassen. Wir können dann individuell zugeschnittene Gesundheitsangebote machen. Es wäre fahrlässig, diese Chance zu vertun.

TK: Im Saarland und in Rheinland-Pfalz ist mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken und Kaiserslautern sowie dem Helmholtzzentrum für Cybersicherheit viel Know-how im Bereich Informationstechnik vorhanden. Werden solche Zentren immer wichtiger und welches Potenzial sehen Sie in KI für das Gesundheitswesen?

Cardinal: Diese von Bund und Ländern geförderten Zentren werden weiter an Bedeutung gewinnen. Mit ihrer Forschung im Auftrag von Staat und Gesellschaft schaffen sie unter anderem die Grundlagen für den Einsatz neuer Technologien. Außerdem sind sie eine Chance für den deutschen Markt und schaffen Arbeitsplätze.

Im Gesundheitswesen wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz zunehmen und stellt eine sinnvolle Ergänzung dar. Daniel Cardinal

Auch im Gesundheitswesen wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz zunehmen und stellt eine sinnvolle Ergänzung dar. Aus meiner Sicht wird diese Technologie zu einer Art Assistenzsystem für Leistungserbringer und soll Ärztinnen und Ärzte in ihrer täglichen Arbeit unterstützen und entlasten. Dabei geht es um Kooperation und nicht um Konkurrenz.

TK: Zum Abschluss ein kleiner Blick in die Glaskugel: Wie sieht das deutsche Gesundheitswesen in zehn Jahren aus?

Cardinal: Wir werden eine hybride Versorgungslandschaft haben. Die klassischen Strukturen und Versorgungswege werden sinnvoll um digitale Angebote ergänzt. So können wir eine bundesweit einheitliche und gute Versorgung gewährleisten.

Zur Person

Daniel Cardinal leitet bei der Techniker Krankenkasse den Geschäftsbereich Versorgungsinnovation. Mit seinem Team ist er immer auf der Suche nach sinnvollen Innovationen für das Gesundheitssystem.