Primärversorgungssystem: Der TK-Vorschlag „digital vor ambulant vor stationär“
Artikel
Die Regierung möchte ein Primärversorgungssystem einführen, damit Patientinnen und Patienten schneller zur passenden ärztlichen Versorgung gelangen. Die TK hat mit dem Konzept "digital vor ambulant vor stationär" Vorschläge, wie ein solches Primärversorgungssystem gestaltet werden sollte.
- Viele Patientinnen und Patienten berichten von Schwierigkeiten, zeitnahe Termine bei der passenden Arztrichtung zu bekommen. Die Regierung möchte daher ein Primärversorgungssystem einführen.
- Die TK schlägt ein Konzept nach dem Prinzip "digital vor ambulant vor stationär" vor.
- Die TK macht sich für ein breit aufgestelltes Primärversorgungssystem stark, in dem Hilfesuchende durch eine medizinische Ersteinschätzung und eine Terminvermittlungsplattform schneller zur passenden Versorgung kommen.
Was schlägt die TK mit dem Konzept "digital vor ambulant vor stationär" vor?
"Digital vor ambulant vor stationär" ist ein Konzept der TK, wie Menschen mit gesundheitlichen Problemen zukünftig schneller die passende medizinische Hilfe bekommen können. Ziel ist, damit den Zugang zur ärztlichen Versorgung zu verbessern, Wartezeiten für Termine zu reduzieren, Behandlungswege effizienter und die Versorgung besser zu machen.
Für ein gutes Primärversorgungssystem nach dem Leitbild "digital vor ambulant vor stationär" braucht es aus Sicht der TK:
- Eine (digitale) medizinische Ersteinschätzung als "Startpunkt", die Symptome einordnet und Hilfesuchende zur passenden Versorgungsebene zuweist.
- Eine neutrale, digitale Terminplattform, auf der Termine nach Dringlichkeit und Bedarf vergeben werden.
- Behandlungskoordination durch einen Primärarzt beziehungsweise eine Primärärztin - je nach Anliegen Hausärztinnen und -ärzte oder Fachärztinnen und -ärzte.
"Digital vor ambulant vor stationär" bedeutet nicht, dass die persönliche Versorgung vor Ort durch digitale Angebote ersetzt werden soll. Digitale Tools, wie die medizinische Ersteinschätzung, eine Terminplattform oder telemedizinische Angebote, sollen die Versorgung sinnvoll ergänzen.
Das TK-Modell für ein gutes Primärversorgungssystem
Wie funktioniert die medizinische Ersteinschätzung in einem Primärversorgungssystem?
Eine medizinische Ersteinschätzung gibt Hilfesuchenden jederzeit eine verlässliche Einschätzung ihres gesundheitlichen Problems und führt sie direkt auf den passenden Behandlungsweg. Dafür fragt sie die Symptome systematisch ab, bezieht relevante Gesundheitsinformationen aus der elektronischen Patientenakte (ePA) ein und schlägt den passenden Behandlungsschritt vor. Sie ist somit der "Startpunkt" auf dem Weg in das Gesundheitssystem und sorgt für mehr Orientierung und eine zielgenaue Versorgung.
Die Ersteinschätzung muss an allen wichtigen digitalen und analogen Zugangspunkten ins Gesundheitswesen erreichbar sein: digital per Krankenkassen-App, per Telefon mit der 116 117 oder persönlich am Praxistresen, in Notaufnahmen beziehungsweise Integrierten Notfallzentren (INZ).
Je nach Bedarf lautet die Empfehlung der medizinischen Ersteinschätzung:
- Haus- oder Facharzttermin auf einer Terminvermittlungsplattform vereinbaren
- Ärztliche Behandlung per Videosprechstunde oder Beratung per Chat
- Behandlung durch qualifiziertes, nicht-ärztliches Fachpersonal
- Notaufnahme aufsuchen oder den Rettungsdienst anrufen
- Wer laut Ersteinschätzung keine akute Behandlung benötigt, erhält hilfreiche Informationen oder wird auf Versorgungsangebote der Krankenkasse hingewiesen
Die Ersteinschätzung kommt bei neuen Behandlungsanlässen zum Einsatz. Für Folgetermine müssen Patientinnen und Patienten die Ersteinschätzung nicht erneut durchlaufen.
"Jetzt besteht die Chance für grundlegende Strukturreformen in der ambulanten Versorgung, die Terminprobleme lösen, die Versorgungsqualität verbessern und die Arbeitslast in den Praxen reduzieren können. Für die Reform ist wichtig, dass die Regierung über gewohnte Modelle hinausdenkt und neue Wege einschlägt, nach dem Prinzip ‚digital vor ambulant vor stationär‘."
Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK
Wie soll die Terminvermittlungsplattform in einem Primärversorgungssystem gestaltet sein?
Für eine transparente, einfache und gerechte Vergabe von Arztterminen sollen Praxen ein festes Kontingent freier Termine tagesaktuell einer neuen, zentralen Terminplattform bereitstellen. Patientinnen und Patienten sollen dort Termine mit möglichst geringer Wartezeit buchen, auch bei Ärztinnen und Ärzten, bei denen sie zuvor in Behandlung waren. Die Terminvergabe muss sich immer nach der medizinischen Dringlichkeit der Behandlung richten, die aus der Ersteinschätzung hervorgeht.
Die TK fordert, dass auf der neuen Plattform faire Regeln in Bezug auf die Diskriminierung von Patientinnen und Patienten sowie den Datenschutz gelten. Kommerzielle Anreize, wie der Versicherungsstatus der Patientinnen und Patienten, dürfen auf der neuen Terminplattform keine Rolle spielen. Aktuell gibt es bereits diverse Terminplattformen, jedoch fehlen einheitliche Standards.
Wer koordiniert die Behandlung in einem Primärversorgungssystem?
Die Koordination der Behandlung übernimmt in der Regel der Primärarzt oder die Primärärztin. Diese Person ist der zentrale Ansprechpartner, behält den Überblick über den Behandlungsverlauf, koordiniert nötige Untersuchungen und Folgetermine.
Die Primärversorgung sollte immer bei der ärztlichen Fachrichtung liegen, die das jeweilige Krankheitsbild am besten versorgen kann. Das bedeutet, dass sich Patientinnen und Patienten je nach Krankheitsbild an den passenden Primärarzt oder die passende Primärärztin binden - entweder Hausärztinnen und Hausärzte oder Fachärztinnen und Fachärzte. Entscheidend dafür ist das Ergebnis der Ersteinschätzung.
Zudem muss medizinisches Fachpersonal, wie Community Health Nurses oder Physician Assistants, stärker in die Versorgung eingebunden werden. Wenn qualifiziertes Personal geeignete Aufgaben übernimmt, werden Ärztinnen und Ärzte entlastet sowie Patientinnen und Patienten schneller und effizienter behandelt.
Ist die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) ein Vorbild für ein Primärversorgungssystem?
Die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) ist in ihrer jetzigen Form kein geeignetes Vorbild für ein Primärversorgungssystem. Laut der wissenschaftlichen Evaluation des Gesundheitsökonomen Professor Dr. Jonas Schreyögg, Direktor des Hamburg Center for Health Economics (HCHE), werden HzV-Teilnehmende nicht besser, effizienter und preiswerter durch das Gesundheitssystem geführt.
Die TK fordert daher, die ärztliche Versorgungskoordination nicht ausschließlich auf Hausärztinnen und Hausärzte zu beschränken. Die Politik sollte das Primärversorgungssystem stattdessen breiter aufstellen, bei Bedarf direkte Wege zu Facharztpraxen ermöglichen, digitale Angebote nutzen und medizinische Aufgaben besser verteilen. Das spart den Patientinnen und Patienten Umwege und kann Hausarztpraxen entlasten.
Weitere Informationen
TK-Position: Primärversorgungssystem für mehr Effizienz
TK-Position: Faire Regeln bei Ersteinschätzung und Terminvergabe